stilwerk Hamburg: EOOS – Prototypen aus poetischer Analyse
Harald Gründl vom Wiener Designbüro Eoos windet sich anfangs noch mit sichtlichem Unbehagen, als Protagonist für den Trend „Archaic Nature“ zu gelten – in den ihn Trendbüro mit seinen reduzierten authentischen Interpretationen eingeordnet hat. Vielmehr betont er seine poetische Analyse im Entwurfsprozess. In aufwendigen Recherchen erforscht Harald Gründl zusammen mit seinen zwei Partnern, die er bereits seit dem Studium kennt, Rituale, die tief in der Gesellschaft verwurzelt sind, aber in der heutigen Zeit mit ihren technischen Möglichkeiten nach einer neuen Übersetzung verlangen.
So entstand beispielsweise die Küchenwerkstatt „b2“, die Trendbüro bereits in der dritten Trendstudie für stilwerk vorgestellt hat. Die mobile Küchenwerkstatt eröffnet sich dem Besitzer in der Form eines modernen Triptychons, dessen Inneres nur das offenbart, was zum Kochen wirklich gebraucht wird. Wer sich für dieses Produkt entscheidet, lässt sich darauf ein, seine Gewohnheiten zu überdenken und sich neu zu organisieren. Aus Sicht der Trendforscherin Birgit Gebhardt leistet Gründl damit einen Beitrag zur Wiedererlernung der Langsamkeit und Zelebrierung von Werten, die Gefahr laufen, verloren zu gehen. So haben wir nachweislich weniger Zeit für Mahlzeiten daheim und zelebrieren daher die wenigen Male des gemeinsamen Speisens. Insofern sei auch das Motiv des Werkzeugkastens bei der „b2“ wie auch ihr sakrales Symbol eines dreiflügeligen Altarbildes genau die Überhöhung, die unsere Wertschätzung deutlich mache.
Gebhardt betont, dass es ebendiese Poesie ist, nach welcher Menschen sich sehnen, wenn Designprodukte zunehmend gefällig und einheitlich werden. Um Produkte auf den Markt zu bringen, die sich so radikal und zugleich erholsam auf das alltägliche Leben ihrer Besitzer auswirken, braucht es Hersteller wie bulthaup, die den Mut haben, entschlossen neue Wege zu gehen, meint Harald Gründl. Das ist auch der Grund, weshalb Eoos mit so wenigen Herstellern zusammenarbeitet, fügt er schmunzelnd hinzu. Den Trend „Archaic Nature“ übersetzt der Österreicher mit dem trockenen Humor für sich dann doch lieber mit „Prototyp Design“, was für ihn „losgelöst vom Beiwerk“ bedeutet.
Eoos bringt damit auf den Punkt, wonach viele sich in einer Zeit des exponentiellen Wachstums von unkontrollierbaren Einflüssen, Informationen und Zugangskanälen sehnen, nämlich der Reduktion auf das Wesentliche mit emotionalem Wert.
stilwerk Berlin: Jaime Hayon und Tyler Brulé
Weniger Hysterie und mehr Wunderland: Das wünscht sich der Stardesigner Jaime Hayon auf dem Berliner Trendtalk im Interview mit Tyler Brulé und Birgit Gebhardt. Dem Enfant terrible der spanischen Designszene schienen die Herzen schon zuzufliegen, sobald er den Raum betrat. Design war bei ihm ein Zufall, meint er, eine Art Versehen. Er habe nie beabsichtigt, Design zu machen, und sieht sich vielmehr als Künstler. Blut und Tränen seien programmiert, wenn er mit großen Firmen zusammenarbeite. Absichtlich entwerfe er nie das, was seine Auftraggeber von ihm erwarten, und verblüfft dabei durch unvorhergesehene Kreativität. Auf die Spitze hat er seine comichaft überzeichneten Entwürfe offenbar noch nicht getrieben, denn das, was Trendbüro als „Hysteric Wonderland“ identifiziert, stuft er selbst als eher minimalistisch ein. Und obwohl er sich nicht wirklich dem ihm zugewiesenen Trend zuordnen lassen will, bewundert er die Leistung von Trendbüro, die aktuellen Strömungen von Design so recht präzise zu erfassen und zu clustern. Vor allem in Zeiten, in denen sich nahezu alles Design schimpft.
Damit trifft der Jungdesigner ganz den Nerv des eigentlichen Stars des Abends, Tyler Brulé. Der Gründer von Wallpaper und Monocle, der bereits mit 33 Jahren von der British Society of Magazine Editors für sein Lebenswerk geehrt wurde, befeuert die Diskussion mit interessanten Erfahrungen seiner zahlreichen Reisen. Den „German Mittelstand“ hat er dabei zu schätzen gelernt, ebenso wie den deutschen Baumkuchen, der sich in Japan als großer Renner entpuppt. Die Trends lässt er lieber von Birgit Gebhardt erklären. Er berichtet von seinen Reisen, was für ihn selbst interessant erscheint. Zum Beispiel, dass er Schwierigkeiten hat, nach Syrien einzureisen, weil man dazu noch zwei stempelfreie Seiten im Pass benötige, er aber in den letzten drei Jahren allein 30-mal in Japan gewesen sei.
Von Blogs und Social Media hält der ehemalige Kriegsreporter wenig und macht auch keinen Hehl daraus, dass für ihn der fundierte Autorenjournalismus nur vom erfahrenen Betrachter im klassisch journalistischen Kontext – meint Print – kommen kann. Uns gibt er zum Abschluss der Diskussion den Rat, dem Internet so oft fernzubleiben wie nur möglich. Berichte müssen aus dem Leben stammen, meint er.
Birgit Gebhardt widerspricht: Nicht das Medium bürge für Qualität, sondern der Autor – im Print wie im Netz. Und dass Analysen im Netz durchaus für Designer wie Journalisten interessant sein könnten, um zu erfahren, was die Gesellschaft interessiert. Für Brulé und Hayon liegt die Herausforderung im Angebot: „Der heilige Krieg der Zukunft entbrennt zwischen luxuriösem Service und billigen Sonderangeboten“, schließt Brulé den Talk im Berliner stilwerk.
Text: Eva Bargon, Trendbüro (e.bargon@trendbuero.com)
Für alle, die gerne mehr über die Trendtalks erfahren möchten, lohnt sich ca. ab dem 15. Juni ein Blick auf die stilwerk Homepage www.stilwerk.de wo Sie die Highlights der Diskussion im Videomitschnitt verfolgen können.