02.2026 | April/Mai | wohninsider.at 89 BETRACHTET MIT NINA SCHULMEISTER Foto: Dipl.-BW Nina Schulmeister, MA MA Liebe Leser, Liebe Kollegen, Mailand. Salone. Das große Rauschen. Auch dieses Jahr hat uns die Stadt wieder in ihren Bann gezogen. Die Gassen von Brera, die Palazzi – geöffnet, beleuchtet, bespielt. Und mittendrin wir: Händler, Architekten, Einkäufer, Träumer. Alle auf der Suche nach dem nächsten großen Ding. Nach dem einen Stück, das den Unterschied macht. Ich habe gewartet. Auf das Kribbeln. Auf den Moment, in dem sich das Skizzenbuch von selbst öffnet. Auf die eine Idee, die mich einfach nicht loslässt, die mich nicht schlafen lässt. Sie ist nicht gekommen. Nicht weil mir die Ideen fehlen, sondern weil Mailand 2026 mir schlicht keine geliefert hat. Dabei gab es einiges zu sehen. Stühle, die aussahen, als hätten sie eine intensive Affäre mit den Winterschuhen von Hansi Hinterseer hinter sich – zottelig, wuchtig, irgendwo zwischen Yeti im Schnee und Designstudio. Es gab Sessel mit Metalldornen, die man noch nicht einmal ungebetenen Gästen zumuten würde. Die Zielgruppe für dieses Stück bleibt jedenfalls eine, die den Schmerz sucht. Und dazwischen – das Schöne. Das wirklich, handwerklich und ehrlich Schöne. Stücke, bei denen man nickt und denkt: gut gemacht. Solide. Respektabel. Respektabel. Was für ein furchtbares Wort für eine Branche, die von Leidenschaft leben sollte. Was mich aber mehr beschäftigt hat als das Groteske oder das Schöne: die Lücken. Stände, die bespielt werden sollten – und leer blieben. Keine mutige Reduktion, kein bewusstes Statement. Einfach niemand da. Die Salone kämpft um Aussteller, und die Branche schaut weg. Man fotografiert die Lichtstimmung, schlendert an den Ständen und den dazwischen entstandenen Freiräumen vorbei, die mit bedruckten Vorhängen verdeckt sind und tut so, als wäre das alles Teil des Konzepts. Ist es nicht. Und hier beginnt die eigentliche Geschichte. Nicht die über leere Messestände – die über eine Branche, die sich still und leise für die sichere Mitte entschieden hat. Es ist die ökonomisch verständliche, menschlich nachvollziehbare und gestalterisch verheerende Logik dahinter: Ein Möbel, das einer großen Gruppe gefällt, verkauft sich breiter als eines, das polarisiert. Ein Design, das niemanden abschreckt, erreicht mehr Showrooms, mehr Länder, mehr Endkunden. Wer Risiko vermeidet, vermeidet auch Verlust. Kurzfristig. Denn langfristig vermeidet er damit vor allem eines: Bedeutung. Und das spiegelt sich in Mailand wider – in Kollektionen, die technisch einwandfrei und emotional leer sind. In Herstellungsverfahren, die sich seit Jahren kaum weiterentwickelt RESPEKTABEL. NETT WAR’S, MAILAND. GESCHLAFEN HAB ICH TROTZDEM GUT. haben, weil der Markt es nicht einfordert. In einer Messe, die einmal jährlich die Kühnsten und Mutigsten der Branche versammeln sollte – und stattdessen zunehmend ein Schaufenster des großen Mittelmaßes geworden ist. Wir als Händler, als Innenarchitekten, als Einkäufer tragen dafür eine Mitverantwortung, die wir uns selten eingestehen. Denn wir haben diesen Kreislauf mitgefüttert. Jedes Mal, wenn wir dem Kunden gegeben haben, was er kannte anstatt dessen was ihn überrascht hätte. Jedes Mal, wenn wir ein mutiges Stück aus dem Showroom genommen haben, weil es „nicht gut läuft“. Jedes Mal, wenn wir in Mailand an dem Stand vobeigegangen sind, der wirklich etwas riskiert hat – und lieber bei dem geblieben sind, der sicher, schön und gut kalkulierbar war. Wir haben Hersteller nie gezwungen, mehr zu wagen. Warum sollten sie es also tun? Was Mailand einmal war – und was es wieder sein müsste – ist ein Ort, an dem man als Fachbesucher nicht nur neue Kollektionen sieht, sondern neue Gestaltungsideen bekommt. Wo man Herstellungsverfahren begegnet, die man noch nicht kannte. Wo man vor einem Möbel steht und nicht sofort weiß, wie es gemacht wurde – und das als Qualitätsmerkmal versteht, nicht als Makel. Wo man, kurz gesagt, nicht schlafen kann. Nicht vor Erschöpfung, sondern weil einem zu viel durch den Kopf geht. Dieses Mailand gibt es noch. Ganz vereinzelt. Und wenn wir nicht aktiv hinhören – und aktiv einfordern – wird es irgendwann ganz verstummen. Die Frage ist nicht, was Mailand uns liefert. Die Frage ist, ob wir noch bereit sind, etwas zu empfangen, das uns wirklich fordert – oder ob wir uns längst mit dem Respektablen abgefunden haben. Und genau hier liegt der Widerspruch, der mich auf dem Rückflug nicht losgelassen hat. Denn der Yeti-Stuhl und der Dornensessel sind nicht das Problem. Sie sind laut, sie sind skurril – aber sie haben zumindest eine Haltung. Eine fragwürdige vielleicht, aber eine. Das eigentliche Problem sitzt zwischen diesen Extremen: in der breiten, gut ausgeleuchteten, makellosen Masse an Stücken, die niemandem wehtun, niemandem auffallen und niemandem im Gedächtnis bleiben. Nina Schulmeister, Gründerin, Inhaberin & kreativer Kopf der Handwerk Design- und Möbelmanu- faktur GmbH. Kontakt: office@dashandwerk.com
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