wohninsider 3.2026

03.2026 | Juni/Juli | wohninsider.at 79 WOHNEN staltung aufbauen lässt. Die bestehende Rampen- und Podeststruktur habe ich aufgegriffen und mit Terrassierung und Insellösungen neu interpretiert, das Interieur war zum Glück katalogisiert und hat viel Aufschluss gegeben. Woran hast du dir Anleihen genommen? Wo lag der Ausgangspunkt? Im vorhandenen Farb- und Materialmix. Die Blümchentapete im Gastraum beispielsweise habe ich fotografiert, grafisch analysiert. Daraus hat sich das Farbthema ergeben, mit Elfenbeinbeige, Zuckerlrosa und Weinrot in den Hauptrollen. So haben wir die Originaltapete ins Hier und Jetzt überführt. Waren die Farben der Wegweiser für das Interior Design? Die Farbgebung und auch das Motiv waren ausschlaggebend. Die Tapete und die historischen Leuchten lieferten die Grundlage der Farbgestaltung. Samt ergänzte dieses Material- und Farbkonzept. Vor allem nach Auswertung der Bestands- und Archivpläne war klar, dass der historisch gewachsene Kontext abgebildet werden soll. Die Wahl der Materialien ist genauso entscheidend wie jene der Farben und geht im Projekt mit gewissen Anforderungen einher. Akustik ist gerade ein großes Thema. Mit welchen Materialien lässt sie sich gut beeinflussen? Samt eignet sich aufgrund seiner Materialeigenschaften sehr gut als Schallabsorber, also habe ich ihn im Gastraum mit darunterliegender Polsterung auf den Möbeln eingesetzt. Die Möbel habe ich recht massiv dimensioniert, damit es keine großen Resonanzkörper gibt. Alles in allem sind so rund 100 Quadratmeter schallabsorbierende Fläche entstanden. Ergänzend wurden dreifach beplankte Akustikdecken mit wirksamer akustischer Entkopplung ausgeführt. Akustik entsteht nie durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch das Zusammenspiel vieler Elemente. Daher hat der Raum auch eine Spiegeldecke vertragen, die ihm eine weitere Dimension verleiht, ohne sich akustisch negativ auszuwirken. Vor allem in einem Kino muss einerseits alles im Blick behalten werden, andererseits sensibel vorgegangen werden, weil der Raum jederzeit, mit unterschiedlichen Lichtstimmungen, unterschiedlich vielen Personen funktionieren muss. Gleichzeitig muss die Gestaltung mit Möbeln, Farben, Materialien alle ansprechen und mitnehmen, darf sich aber nicht aufdrängen. Der Bestand hat bei diesem Projekt ein Stück weit geholfen. Zum Beispiel die Leuchten mit rötlicher Färbung waren stimmig für ein Kino, also haben wir dies aufgegriffen. Ist das der Vorteil des Arbeitens im Bestand? Ich arbeite viel im Bestand und sehe grundlegend immer die gleichen Probleme. Es wird oft gehadert, dass es durch die Gegebenheiten gewisse Grenzen gibt. Das sehe ich anders. Wenn man sich auf Bestand und Bestehendes einlässt, kann man sich richtig austoben. Mein Zugang ist immer, nichts Neues aufzudrängen, sondern den Bestand so weiterzuentwickeln, dass er die Geschichte weitererzählt. Architektur beginnt mit einem Zuhören. Damit meine ich nicht nur das Hören, sondern das bewusste Wahrnehmen mit allen Sinnen. Daraus ergibt sich die Erzählung, die Gestaltung, der Weg, das Ziel. Was macht eine optimale Farbgestaltung und Materialienwahl aus? Wenn sich der Raum oder das Projekt für mich stimmig anfühlt. Dafür braucht es Know-how und Gespür, weil ja nicht jedes Projekt gleich ist. Ich lasse mich gerne inspirieren und bin „up to date“, folge aber kaum Trends. Farbe ist Emotion. Bei der Farbwahl im privaten Innenraum halte ich aber einen eher cleaneren Look für einen gangbaren Weg, weil Kund:innen mit dieser Entscheidung langfristig leben müssen und er gleichzeitig als Kulisse für das Interieur dient. Der Objekt- und Projektbereich bietet meistens mehr Spielfläche, um mit Farben und Materialien zu experimentieren. Immer unter der Voraussetzung, dass die Baubeauftragenden mutig sind, das Budget und die Auflagen dies ermöglichen. haselgruber.com Die Bar erstrahlt nach dem Update mit feinem Farb- und Materialkonzept, Look und Feel. Die bestehende Rampen- und Podeststruktur wird mit Terrassierung und Insellösungen neu interpretiert, die Möbel sind bewusst massiv dimensioniert und sorgen im Ensemble mit Samt und darunterliegender Polsterung für gute Akustik. Aus dem Bestand heraus entwickelt Andreas Haselgruber das Interior Design. Im Gastraum des Bellaria Kinos in Wien lieferten die bestehende Tapete und die historischen Leuchten die Basis für die Farbgestaltung.

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