03.2026 | Juni/Juli | wohninsider.at 89 BETRACHTET MIT NINA SCHULMEISTER Foto: Dipl.-BW Nina Schulmeister, MA MA RABENMÜTTER. EIN RISIKO NAMENS FRUCHTBARKEIT. HALLO BABY! Liebe Leser, Liebe Kollegen, wir kennen sie alle und die Damen unter uns sind sie einst selbst gewesen: die Frau, Anfang dreißig. Sie ist gut in ihrem Job. Sie hat sich auf das Vorstellungsgespräch wie auf eine Prüfung vorbereitet, sie kennt die Kollektion besser als die meisten Männer. Sie spricht über Flächenproduktivität und Sortimentstiefe, kreative Planungen, begeistert durch Wortgewandtheit und Witz, und für ein paar Minuten läuft alles rund. Dann, irgendwo zwischen Umsatzzielen und Teamgröße, kommt sie doch – die Frage, die es per Gesetz gar nicht geben dürfte: „Und privat? Ist da etwas geplant?“ Sie weiß genau, was gemeint ist. Beide tun, als wäre es Smalltalk. Dabei ist es die einzige Frage, die in diesem Raum wirklich zählt. Nicht: Kann sie diesen Job bestmöglich ausfüllen? Sondern: Wie lange, bis sie weg ist? Sagen wir es, wie es ist. Eine Frau um die dreißig ist in vielen Möbelhäusern, Planungsbüros und Vertriebsabteilungen die unbequemste Bewerberin überhaupt. Nicht, weil sie weniger könnte. Sondern weil hinter ihrer Qualifikation ein Risiko gewittert wird, das bei keinem Mann je zur Sprache kommt: Sie könnte ein Kind bekommen. Sie könnte Mutter werden. Und dann ist sie weg, ein Jahr, vielleicht zwei. Danach kommt sie nur in Teilzeit zurück. Wer macht so lange ihren Job? Und wer hat die Zeit für eine nächste Bewerbungsrunde? Also nimmt man, rein zufällig, den anderen Kandidaten. Den mit dem etwas dünneren Lebenslauf, aber ohne das Risiko. Niemand würde es je laut aussprechen. Niemand muss es. Und nun das Paradoxon, denn ausgerechnet wir müssten es besser können als alle anderen. Wir verkaufen schließlich das Zuhause. Das warme, das weiche, das familientaugliche. Den Wickeltisch aus Eiche, das Sofa, auf dem drei Generationen Platz finden, das Kinderzimmer, das mitwächst. Wir verkaufen Geborgenheit nach Maß an jede junge Familie. Nur unter dem eigenen Dach hat diese Geborgenheit plötzlich keinen Platz mehr. Eine Mitarbeiterin bekommt ein Kind, und die Branche kennt genau eine Antwort: Alles Gute. Bis bald. Komm wieder, wenn das Gröbste vorbei ist. Das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld läuft ein Jahr. Achtzig Prozent vom letzten Gehalt, gedeckelt. Wer länger bleiben will, streckt denselben Topf über zwei, drei Jahre – am Ende auf gut siebzehn Euro pro Tag. Die Botschaft ist eindeutig: Komm schnell zurück, dann zahlen wir anständig. Bleib lang, dann eben für fast nichts. Das System hat entschieden, und die Branche nickt dankbar mit. Was dabei keiner bedenkt: dass viele Frauen gar nicht zwei Jahre verschwinden wollen. Frag sie. Ich habe von den wenigsten Freundinnen mit Kind gehört, dass ihnen das Geld fehlt. Ja, es wird knapp, gerade in der heutigen Zeit, aber jede Einzelne hat mir erzählt, dass sie vor geistiger Unterforderung irgendwann verrückt wird. Der Kopf, der gestern noch Verhandlungen geführt, Wohnungen geplant und Kunden überzeugt hat, dreht sich am vierzigsten Tag zwischen Wickeltisch und Wäschekorb im Kreis. Diese Frauen lieben ihr Kind, abgöttisch. Und trotzdem fehlt ihnen die Welt, in der sie auch noch jemand anderes waren als „die Mama“. Das ist keine schlechte Mutter. Das ist ein Mensch, der zwei Dinge gleichzeitig will – sein Kind und seine Arbeit. Und wir behandeln dieses „gleichzeitig“ wie eine Unverschämtheit. Rabenmütter nennen wir sie. Denn wir kennen nur zwei Schubladen. Ganz weg oder ganz da. Das Dazwischen kommt in unseren Organigrammen nicht vor. Keine Branche wäre besser gerüstet, dieses Dazwischen einzurichten. Unsere Ausstellungen stehen voll mit allem, was ein babytauglicher Arbeitsplatz braucht. (Wickel)Kommoden, schallschluckende Teppiche, ergonomische Sessel. Wir richten die halbe Welt familienfreundlich ein – und vergessen die Tür zum eigenen Büro. Dabei wäre es so einfach: ein Säugling schläft in den ersten Monaten die meiste Zeit – er darf mit ins Büro, in einer Wippe neben dem Schreibtisch. Ein Stilltuch und ein ruhiger Platz. Ein Wiedereinstieg in Stufen statt per Lichtschalter: erst zehn Stunden, dann zwanzig, dann mehr, wenn es passt. Homeoffice, in dem es keine feste Arbeitszeit gibt, sondern ein wöchentliches Arbeitspensum, das erledigt wird. Nichts davon ist Raketenwissenschaft. Das meiste kostet kein Geld – nur den Mut, das eigene Organigramm einmal anders zu denken als in den letzten dreißig Jahren und einen kleinen Menschen willkommen zu heißen, der auch einmal durch die Ausstellung flitzen darf. Wann hat eine Kollegin ihr Baby mitgebracht, weil die Tagesmutter ausgefallen war – und es war kein Drama, sondern ein normaler Mittwoch? Wenn dir bei dieser Vorstellung ein Schauer über den Rücken läuft, dann ist genau das der Punkt. Vielleicht sehen die Unternehmen von morgen ganz einfach so aus: ein Baby, das beim Lieferantentermin selig schläft. Ein Kleinkind, das zwischen den Polstermustern laufen lernt. Eine Mutter, die nicht wählen muss, sondern beides sein darf – Kollegin und Mama, am selben Schreibtisch. Das ist kein Betriebskindergarten. Das ist ein Unternehmen, das begriffen hat, das es die besten Mitarbeiter sonst verliert. Kein großer Umbau, nur eine offene Tür. Die ist längst da – warum ist sie bei dir noch zu? Nina Schulmeister, Gründerin, Inhaberin & kreativer Kopf der Handwerk Design- und Möbelmanu- faktur GmbH. Kontakt: office@dashandwerk.com
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