80 wohninsider.at | Februar/März | 01. 2026 BETRACHTET MIT NINA SCHULMEISTER Foto: Dipl.-BW Nina Schulmeister, MA MA GENERATIONEN Liebe Leser, Liebe Kollegen, es gibt Themen in unserer Branche, die gerne in Hochglanzbroschüren verpackt und auf Wirtschaftskammer-Veranstaltungen besprochen werden. Der Generationenwechsel ist eines davon. Man spricht von „strukturierten Übergabeprozessen“, von „Win-WinSituationen für beide Generationen“. Die Realität sieht anders aus. Sie zeigt sich in den leisen Gesprächen am Rande von Branchentreffen. In den Geschichten, die niemand in die Öffentlichkeit trägt. Die Wahrheit ist: Der Generationenwechsel scheitert nicht an fehlenden Konzepten oder mangelnder Kompetenz der Nachfolgenden. Er scheitert an etwas, das sich nicht in Organigrammen abbilden lässt und sich nicht durch Beratergespräche lösen lässt. Er scheitert an der menschlichen Unfähigkeit, das loszulassen, was einen definiert. Der österreichische Möbelhandel ist geprägt von einer Generation, die ihre Unternehmen nicht nur aufgebaut, sondern verkörpert hat. Sie sind nicht einfach Geschäftsführer ihrer Firmen. Sie sind diese Firmen. Jede Entscheidung trägt ihre Handschrift. Jeder Kunde kennt ihren Namen. Diese absolute Identifikation mit dem eigenen Werk war ihre Stärke. Sie hat Durchhaltevermögen in schwierigen Zeiten geschaffen. Sie hat Visionen vorangetrieben, die andere für unmöglich hielten. Sie hat Qualitätsansprüche durchgesetzt, die heute das Fundament dieser Unternehmen bilden! Doch genau diese Stärke wird zur Falle, wenn es darum geht, Verantwortung zu übergeben. Denn wie übergibt man etwas, das man nicht als externes Objekt betrachtet, sondern als Erweiterung der eigenen Person? Wie tritt man von einer Position zurück, die nicht nur ein Job, sondern die eigene Daseinsberechtigung ist? Wie lässt man los, wenn das Loslassen bedeutet, einen essentiellen Teil der eigenen Identität aufzugeben? „Mein Sohn hat vor fünf Jahren übernommen.“ Dieser Satz fällt oft. Auf Messen. Bei Veranstaltungen. In Gesprächen. Und doch: Der Vater sitzt nach wie vor täglich im Büro. Er unterschreibt zwar nichts mehr, aber seine Meinung hat Gewicht. Die langjährigen Kunden fragen nach ihm. Die Mitarbeiter suchen seinen Rat. Die wichtigen Entscheidungen werden mit ihm abgestimmt. Was hier stattfindet, ist keine Übergabe. Es ist eine Inszenierung. Die Macht wurde nie wirklich übertragen. Die Nachfolgenden haben Titel und Unterschriftsvollmacht. Aber sie haben keine Entscheidungshoheit. Sie dürfen verwalten, aber nicht gestalten. Sie dürfen fortführen, aber nicht verändern. Und so entsteht ein Schwebezustand, der weder für das Unternehmen noch für die beteiligten Personen gesund ist. Die Söhne und Töchter, die auf die Übergabe warten, sind keine ungeduldigen Erben ohne Respekt vor dem Aufgebauten. Ganz im Gegenteil. DIE KUNST DES LOSLASSENS. Sie haben tolle Ausbildungen genossen, Erfahrungen außerhalb gesammelt – im Konzern, bei Mitbewerbern, im Ausland – um mit frischem Blick und Fachkompetenz zurückzukehren. Sie haben Konzepte entwickelt. Für die Digitalisierung des Vertriebs. Für die Modernisierung der Ausstellungsflächen. Für neue Zielgruppen, neue Produkte, neue Wege. Und sie stoßen auf Wände: - „Das haben wir immer schon so gemacht.“ - „Unsere Kunden wollen das nicht.“ - „Das ist zu riskant.“ - „Dafür ist jetzt nicht der richtige Zeit- punkt.“ Die Argumente variieren. Das Ergebnis ist dasselbe: Die Vorschläge werden abgelehnt. Nicht aus sachlichen Gründen. Sondern aus Angst. Angst vor Veränderung. Angst vor Kontrollverlust. Angst, dass die eigene Erfolgsformel nicht mehr trägt. Und so warten die Nachfolgenden. Jahr um Jahr. Während ihre Vision verblasst. Während ihre Motivation schwindet. Während sie sich fragen, ob sie überhaupt jemals wirklich übernehmen werden. Es wäre zu einfach, die Situation als Machtkampf zwischen Alt und Jung zu beschreiben. Die Realität ist komplexer und menschlicher. Für die Generation, die die Unternehmen aufgebaut hat, bedeutet die Übergabe mehr als den Wechsel einer Geschäftsführungsposition. Sie bedeutet den Verlust von Relevanz. Von Struktur. Von Sinn. Fünfzig Jahre lang jeden Morgen gewusst, warum man aufsteht. Jeden Tag gebraucht worden sein. Jeden Erfolg selbst verantwortet haben. Und nun soll man Hobbys pflegen? Reisen unternehmen? Den Ruhestand genießen? Für Menschen, deren Identität untrennbar mit ihrem Unternehmen verbunden ist, klingt das nicht nach Befreiung. Es klingt nach Bedeutungslosigkeit. Es ist keine Boshaftigkeit. Es ist Existenzangst. Die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden, ersetzbar zu sein. Die Angst, dass das eigene Lebenswerk auch ohne einen weiterläuft – vielleicht sogar besser. Und so halten sie fest. Wirtschaftskammern bieten Seminare an. Steuerberater entwickeln Übergabemodelle. Unternehmensberater moderieren Familiengespräche. Und all diese Bemühungen prallen an einer simplen Realität ab: man kann Menschen nicht durch Konzepte dazu bringen, ihre Identität aufzugeben.
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