wohninsider Februar-März 2026

01.2026 | Februar/März | wohninsider.at 81 BETRACHTET MIT NINA SCHULMEISTER Der Generationenwechsel ist kein technischer Prozess, der sich durch optimierte Ablaufpläne lösen lässt. Er ist eine psychologische, emotionale, oft existenzielle Krise. Eine Krise, die sich nicht durch rationale Argumente lösen lässt, weil die Gründe für das Festhalten nicht rational sind. Deshalb scheitern so viele gut geplante Übergaben an der Umsetzung. Deshalb dauern „Übergangsphasen“ zehn oder fünfzehn Jahre. Deshalb enden manche Übergaben erst mit dem Tod der Übergebenden. In den vergangenen Jahren habe ich beobachtet, welche Nachfolgeregelungen in unserer Branche tatsächlich funktionieren: die erfolgreichen Nachfolgen sind jene, in denen parallel aufgebaut wurde. Die Söhne und Töchter haben nicht gewartet. Ihnen wurde Raum gegeben, in dem sie autonom agieren konnten. Manche haben eine zweite Filiale eröffnet, für die sie allein verantwortlich waren. Manche haben neue Geschäftsbereiche erschlossen – die außerhalb der Kernkompetenz der Elterngeneration lagen und deshalb ihnen überlassen wurden. Sie haben durch Taten bewiesen, dass sie es können. Nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Nicht alle haben die Möglichkeit parallel aufzubauen. Nicht alle Familienunternehmen bieten den Raum für eigenständige Bereiche. Für manche führt der Weg in eine andere Richtung: Die Gründung eines eigenen Unternehmens. Das ist keine Rebellion gegen die Familie. Keine Verweigerung der Nachfolge. Sondern eine Entscheidung für die eigene Gestaltungsfreiheit. Für sich selbst. Für die eigenen Träume. Eine Entscheidung, die beiden Seiten die Würde lässt. Den Eltern die Würde, ihr Lebenswerk bis zum Ende nach ihren Vorstellungen zu führen. Den Kindern die Würde, ihre eigene Version von Erfolg zu definieren. Es ist ein Weg, der Mut erfordert. Der mit Schuldgefühlen einhergeht. Der oft als Scheitern der Nachfolge interpretiert wird. Aber es ist auch ein Weg, der ehrlich ist. Und der beiden Generationen ermöglicht, erfolgreich zu sein. AN DIE NACHFOLGER Das Warten hat seinen Preis. Den Preis der verpassten Chancen. Den Preis der schwindenden Motivation. Den Preis der verlorenen Jahre. Du kannst nicht ändern, wer deine Vorgänger sind. Aber du kannst ändern, wie du damit umgehst. Entweder du schaffst dir Räume, in denen du autonom agieren kannst. Bereiche, in denen du beweisen kannst, dass du es kannst. Oder du gehst deinen eigenen Weg. Gründest dein eigenes Unternehmen. Verwirklichst deine eigene Vision. Beides ist legitim. Beides ist würdevoll. Was nicht würdevoll ist: Das passive Warten auf einen Moment, der womöglich nie kommen wird. AN DIE ÜBERGEBENDEN Eine Frage: Was ist dir wichtiger? Die Kontrolle über dein Lebenswerk oder dessen Fortbestand? Denn beides zugleich ist leider nicht möglich. Wenn du nicht loslässt – wirklich loslässt, nicht nur formal – wird dein Lebenswerk mit dir enden. Deine Kinder werden gehen. Die talentierten, die motivierten, die fähigen. Sie werden eigene Wege gehen, eigene Unternehmen gründen, eigene Erfolge erzielen. Und zurück bleibt ein Unternehmen ohne Zukunft. Dein Lebenswerk wird nicht durch die Fehler deiner Kinder zerstört, sondern durch dein Festhalten. Das ist keine Anklage. Das ist eine Beobachtung. Eine Beobachtung, die sich in unserer Branche Jahr für Jahr wiederholt. LOSLASSEN BEDEUTET NICHT VERSCHWINDEN Aber – und das ist entscheidend – Loslassen bedeutet nicht, irrelevant zu werden. Es bedeutet nicht, über Nacht aus dem Unternehmen zu verschwinden. Es bedeutet nicht, dass all deine Erfahrung, dein Wissen, deine Beziehungen plötzlich wertlos wären. Es bedeutet, eine neue Rolle zu finden. Eine Rolle, die deinem Lebenswerk dient, ohne es zu blockieren. Loslassen bedeutet nicht aufzugeben, es ist eine der größten unternehmerischen Leistungen, die man für sein Lebenswerk vollbringen kann! Ich habe erfolgreiche Beispiele gesehen, in denen die Übergebenden zu den wertvollsten Mentoren ihrer Nachfolger wurden. Nicht als permanente Kontrollinstanz. Sondern als Sparringpartner, der da ist, wenn er gebraucht wird. Die ihre Erfahrung teilen, ohne Entscheidungen zu treffen. Die beraten, ohne zu bestimmen. Die Türen öffnen, ohne hindurchzugehen. Manche haben sich auf strategische Beziehungen konzentriert. Die langfristigen Lieferantenbeziehungen gepflegt. Die Kontakte zu Schlüsselkunden gehalten. Die Netzwerke in der Branche weitergeführt – all jene Bereiche, in denen ihre jahrzehntelangen Beziehungen echten Wert schaffen, während das operative Geschäft in jüngeren Händen liegt. Manche haben sich neuen Projekten gewidmet. Manche haben ihre Rolle als Botschafter des Unternehmens neu definiert. Sie repräsentieren die Geschichte, die Werte, die Tradition – während die nächste Generation die Zukunft gestaltet. Beide Rollen sind wertvoll. Beide sind notwendig. Der Schlüssel liegt in der klaren Trennung. Sie treffen keine Entscheidungen mehr über Sortiment, Personal oder Strategie. Aber sie sind noch da. Als Ratgeber. Als Netzwerker. Als Repräsentant der Unternehmensgeschichte. Und manchmal – in den wirklich schwierigen Momenten – sind sie die Stimme der Erfahrung, die gehört wird. Nicht weil sie formal die Macht haben. Sondern weil sie sie durch Respekt und Zurückhaltung verdient haben. Diese neue Rolle erfordert Demut. Die Demut zu akzeptieren, dass man nicht mehr im Zentrum steht. Dass andere die Entscheidungen treffen. Dass man manchmal Fehler beobachten muss, ohne einzugreifen. Aber sie bietet auch etwas: Die Freiheit, das Große und Ganze zu sehen, anstatt im Tagesgeschäft zu versinken. Die Möglichkeit, das Lebenswerk wachsen zu sehen, ohne die Last der täglichen Verantwortung tragen zu müssen. Die Genugtuung zu erleben, dass das, was man voller Liebe und Hingabe aufgebaut hat gedeiht und weiterlebt – über den eigenen Tod hinaus. Als eigenes Denkmal. Nina Schulmeister, Gründerin, Inhaberin & kreativer Kopf der Handwerk Design- und Möbelmanufaktur GmbH. Kontakt: office@dashandwerk.com

RkJQdWJsaXNoZXIy NDA0NA==