wohninsider Oktober/November 2018
wohninsider.at 27 WOHNDESIGNERS das die einzelnen Zonen mehr als Freiraum denn als Festlegung ver- steht. Räume und Mobiliar sind multifunktional: Der große Ess- tisch mit wenigen Stühlen eignet sich für diverse Aktivitäten, an der Bar, wo sich die Abwasch befin- det, kann man auch einen Kaffee trinken, und auch das Sofa gibt kei- ne Sitzrichtung vor. Nur die Bereiche für Entspannung und Rückzug sind eindeutiger identifizierbar: der tief liegende Sessel, der hinter ei- ner Pflanzenwand halb verborgene Tisch, der Schlafbereich. Trotzdem ist Ihr „Haus“-Entwurf vielfältig gegliedert … Kate: Ja, aber weniger nach Funktionen als nach „Stimmungen“. Die einzelnen Räume haben einen bestimmten „Mood“ sodass der Bewohner immer den richtigen Ort für das findet, was er gerade tun will, was seinem Gefühl und Rhythmus entspricht. Daher haben wir das „Haus“ in vier Zonen gegliedert: „Reclusive“ (zurückgezogen), „Serene“ (ruhig), „Active“ (aktiv) und „Reclining “ (zurückgelehnt), die aber nicht durch Wände voneinander getrennt sind, sondern inei- nander übergehen. Genau so stellen wir uns das zeitgemäße Wohnen vor: natürlich fließend, organisch. Joel: Wohnen, arbeiten, schlafen, loungen – das Camouflage-Muster auf den Vorhängen steht für dieses organische Wohnkonzept, in dem an jedem Platz alles möglich ist. Nichts ist festgelegt, es gibt Doppel- bedeutungen, Querverweise, sinnliche Assoziationen. Aber einen Mittelpunkt des Wohnens, eine „Seele des Hauses“, wie Alfredo Häberli es nennt, wird es doch geben, oder? Joel: Wir gehen da ganz mit Alfredo konform: Es ist die Küche. Die Rhythmen der Menschen gestalten sich zwar immer individueller – aber die Küche bleibt Zentrum des Hauses und der Ort, an dem man zusammenkommt. In unserem „Haus“ wird es auch möglich sein, live vor Ort Speisen zuzubereiten. Die Küche ist zu einer groß- zügigen Aktionsfläche hin geöffnet, wo ein großer Esstisch steht, an dem nicht nur gegessen, sondern auch gearbeitet und gewerkelt wer- den kann. Eine mehrere Sitzebenen bildende Bank leitet in eine Ru- heecke über. Kate: Die Küche aus poliertem Edelstahl mit glänzenden Fliesen lädt durch ihre ungewohnten Formen zu neuorganisierten Arbeits- abläufen ein: Waschen, vorbereiten, kochen, servieren – all das wird separat gehandhabt. (Kühl-)Schränke verschwinden in einem Wand- block, und auch der Block der Abwasch ragt weit in den Raum hi- nein. Uns schwebt weniger eine Einbauküche vor als eine formal zersprengte Küche aus Materialien, die ein Verrücken unmöglich machen. Wie sieht Ihr „Haus“ konkret aus? Joel: Zunächst einmal setzt es sich, wie ein Stuhl von Gerrit Riet- veld, aus wenigen Bestandteilen zusammen: wenige Farben und nur drei Elemente, nämlich Wand, Textil und Pflanzen. Eine Wand be- steht komplett aus Pflanzen, weitere flexible, textile Wände schirmen den Relax- und Schlafbereich vom Wohn- und Aktionsbereich ab. Die Außenhaut ist in warmen Gelbtönen gehalten, dazu kommt das Grün der Pflanzen. Der eigens kreierte Vorhang mit seinem camouf- lageartigen Muster legt die Idee eines „fluiden“, „organischen“ Woh- nens nahe. Kate: Darunter verstehen wir, dass sich intime Bereiche mit offenen abwechseln und sich überall spannende Blickachsen eröffnen. Die Räume gehen ineinander über, ihre Funktion wird von den Möbeln eher angedeutet als vorgegeben. Die Haptik der Materialien und Textilien vermittelt Wärme, und auch die Farben, die sich allesamt einer warmen Palette bedienen, sind emotional motiviert. Nur das Bad und das Schlafzimmer er- scheinen leicht separiert. Es gibt keinen Innenhof, keinen Garten, nur Räume, die den Besucher in ihrer Stimmung „abholen“ und ihn einladen, über die Funktionen des Wohnens nachzudenken. Rund um die zentrale Küche wechseln sich Ruhezonen, Rückzugsbereiche und teils einsame, teils gruppierte Sitzgelegenheiten mit viel freiem Raum und Raumtrennern ab, die nur auf den ersten Blick zufäl- lig hineingestreut wirken. Kunstobjekte und Textilien, Teppiche und Leuchten komplettieren das „Haus“ zu einem, wie wir hoffen, wohl- durchdachten Gesamtkunstwerk. Ein interessantes, ungewöhnliches Phänomen bei „Das Haus“ ist, dass es in seinen sieben bisherigen Ausprägungen noch nie einen Bildschirm – also weder Fernseher noch Computer und hnliches – darin gegeben hat. Und auch in Ihrem „Haus“ werden solche Geräte außen vor bleiben. Warum? Joel: Wir wollen das „Haus“ von Technologie komplett freihalten. Kate: Was aber nicht heißt, dass wir technologiefeindlich sind. Selbstverständlich nutzen wir Smartphones, Tablets, Laptops usw., aber wir sehen das Zuhause als Rückzugsgebiet, als einen Ort des Runterkommens, in dem Technik nicht im Vordergrund stehen sollte. www.studiotrulytruly.com Wenn Truly Truly (für Ikea) ein Sofa „dekonstruiert“, sieht das so aus. © Ikea Was Truly Truly sonst noch so macht: beispielsweise die Serie „Seismic Tables“. © Truly Truly „Wir haben das ,Haus‘ in vier Zonen gegliedert, die den Grundstimmungen ,zurückgezogen‘, ,ruhig‘, ,aktiv‘ und ,zurückgelehnt‘ entsprechen.“
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