Kreative Spurensuche

Sie haben es geschafft: „Auf der Suche nach dem Sessel“ und inspiriert von Granden der Design- und Architekturszene beweisen die diesjährigen Absolventen der „Höheren“ der Innenarchitektur HTBLVA Graz-Ortweinschule mit ihren Abschlussprojekten auf vielfältige Weise Kreativität und handwerkliches Know-how.
Von Sylvia Pilar

Ein Sessel kann, muss aber nicht immer ein Sessel sein und bleiben. Dies zeigen die diesjährigen Absolventen der Höheren Lehranstalt für Innenarchitektur, Raum- und Objektgestaltung der Fachsparte Innenarchitektur HTBLVA Ortweinschule davon mit ihren Abschlussarbeiten auf spannende Weise.
„Auf der Suche nach dem Sessel“ galt es zum Finale ihrer umfangreichen, fundierten Ausbildung einen Gestalter aus der Fülle renommierter Designer und Architekten zu wählen und Teile des Möbels in dessen Sinne „neu“ zu gestalten, wobei Form und Funktion, die nicht mehr zwingend jener eine Sessels entsprechen musste, dabei ein Ziel verfolgen, die Veränderungen zugleich aber der Charakteristik und dem Stil der ausgewählten Koryphäe entsprechen sollten. Die 16 Abschlussprojekte der kompetenten Newcomer unterstreichen, wie individuell und faszinierend die Möglichkeiten und Grenzen ausgelotet wurden.

Setzen, bitte!

Mit „Tetrapod“ präsentiert Petra Andricic einen Sessel ganz im Stile des Gestalters Max Bill, der für Zeitlosig- und Einzigartigkeit steht und sich mit seiner markanten Sitzlehne aus schwarzen MDF Platten mit weißer Sitzfläche als Hingucker erweist.

Alle Blicke auf sich zieht auch das Abschlussmöbel von Michael Roßmann: Geometrische Formen, hohe Lehnen sowie die Farben schwarz und weiß, im Stil von Charles R. Mackintosh, ergänzt durch das gewisse Extra, prägen den „FLEXIBLE CHAIR+“, der unter der Sitzfläche ein gekonnt platziertes Ladenelement verbirgt und als Objekt mit Sitz- und Staufunktion seinem Namen alle Ehre macht.

Von einer ebensolchen Größe der Szene und deren fließender und kinetischer Art hat sich Mihaela Jalsovec bei „Non 90° Furniture“ inspirieren lassen: Zaha Hadid.
Das Sitzmöbel, das sich aus einem schon bestehenden, in zwei Hälften geschnittenen Sessel zusammen setzt, soll an den Stil der berühmten Architektin erinnern, gewürzt mit Kreativität und Know-how der jungen Absolventin der Ortweinschule.

Auffallend, markant und dennoch an den Stil des gewählten Gestalters zuordenbar ist auch „Colour mixed chair“ von Dominik Klug, inspiriert von Gerrit Rietveld: Der aus Fichtenholz gefertigte Stuhl mit Rückenlehne aus rot lackiertem Sperrholz und schwarz-gelb lackierten Querleisten sticht mit seinem Mix aus schlichtem Holz und kräftigen Farben hervor.

Natürlich mit Effekt

Nicht nur drinnen, sondern vor allem auch draußen ist „The Rocking Garden Chair“ von Rachele Forcellini zuhause. Der bekannte Klassiker von Charles und Ray Eames stand für diesen Gartensessel Pate, der dank Schaukelelementen aus Massivholz naturverbunden wirkt und anstelle von Armlehnen Rundstangen auf der Rückenlehne als interessantes Designelement aufweist.

Der Natur einen formschönen Rahmen gibt Theresa Dirnböck mit „Villa de Fleurs“.
Inspiriert von der „Villa Savoye“, einem Gebäude des Architekten Le Corbusier, bietet das hellgraue, dekorative und innen wasserfeste Möbel mit abnehmbarem Deckel Platz für sechs Blumentöpfe, einen flachen Blumenkasten und damit volle flower Power.

Aus Sessel mach Tisch

Dass die Suche nach dem Sessel mit kreativem Design und handwerklichem Know-how auch in einen Tisch münden kann, zeigt Anja Schlick. „Do NOT take a seat“ ist Name und Ansage zugleich, denn die Sitzfläche eines alten Stuhles erscheint bei ihrem an die Entwürfe von Marcel Breuer erinnernden, aus MDF und Acrylglas gefertigten Möbel in luftig durchbrochenen Design mit optischer Transparenz und physikalischer Leichtigkeit – und neuer Funktion als Wohnzimmertisch.

Eine solch spannende Metamorphose gelingt auch Elena Eisenberger mit „The wanted chair“. Inspiriert von Arne Jacobsen, ist der aus einer Fichten-Tischlerplatte gefertigte Vierbeiner eine Fusion aus alt und neu, der Möbelklassiker „Serie 7” stützt den neuen modernen Tischaufbau, fließt in die Linoleum belegten Tischplatte ein und fungiert so als Tischbein.

Die Aussage „Aus alt mach neu“ findet sich neben vielen Entwürfen von Achille Castiglioni auch bei „Comodino“ von Delia Vollstuber, die mit ihrem Abschlussmöbel einem unbrauchbaren alten Sessel als extravagantem Nachttisch modernes Leben einhaucht.

Derselben Devise, allerdings im Sinne des Designers Antoni Gaudí gestaltet, folgt Bianca Fink bei ihrem „Bedside Table“, mit dem sie einen ausrangierten Lärchenstuhl als Nachttisch mitsamt Mosaikelement aus Tiffany Glas sein Revival feiern lässt.

Ausgeklügelte Ordnungshüter

Leise und einfach „different“ tritt der gleichnamige, von Matteo Thun inspirierte Stumme Diener von Julia Purkarthofer auf und präsentiert sich in Kombination eines alten Stuhls aus Massivholz Rotbuche in Kombination mit einer neu angefertigten Sprossenlehne aus europäischer Nuss als formschöner, funktionaler Ordnungshelfer.

Als treuer Diener einer jeden Dame erweist sich „Das Damenmobiliar“ von Eleni Gesierich.
Der Wandschrank überzeugt mit Exklusivität dank dem einzigartigen, ganz im Sinne von Hitoshi Abe gestalteten Design und jedes wertvolle Stück findet in den Möbelschätzchen mit zwei Schmuckladen in Kirsche, transparenter Sitzfläche und altem Sesselbestand seinen maßgeschneiderten Platz – vom kleinen Schwarzen über Schmuck und Lieblingshandtasche bis zum edlen Tropfen.

Formschönen Unterschlupf finden Schuhe, Taschen, Schals & Co. auch in „WOODEN Walls“ von Petra Köberl.
Ihr im Sinne von Jean Nouvel designtes Staumöbel fügt sich mit seinem raffinierten Design in jedes Interieur und bietet nicht nur viel Platz in höhenverstellbaren Fächern, sondern an der Front zudem Spiegelflächen in unterschiedlichen Größen sowie eine Sitzgelegenheit.

Ein Möbel kommt selten allein

Mehr als ein Möbel ist auch „The Sinking-Chair-Shelf“ von Selina Ulm. Regal und Skulptur in Möbelunion, vereint ihr von Daniel Libeskind inspiriertes Abschlussstück eine Grundplatte aus weiß lackierter MDF-Platte, in der ein vollständig aus Buchenholz gefertigter Sessel „versinkt“, der von Glasplatten durchdrungen wird.

Ebenso faszinierend und als würde ein neuer Körper – das Regal – einen alten Körper – den Sessel – durchdringen und spalten, wirkt „Skyscraper“ von Hanna Schmölzer.
Ihr von von Coop Himmelb(l)au inspiriertes Abschlussmöbel sowohl als Regal wie als dekoratives Element dienen kann und in den Fächern sowie auf der Sitzfläche reichlich Platz für die notwendigen und schönen Dinge des Lebens offeriert.

Als echter Allrounder entpuppt sich auch „upside down“ von Sabrina Zechner. Peter Zumthor nachempfunden, vereint die Kreation die Handschrift des Architekten und der Absolventin.
Das formschöne Möbel lässt sich vom Sideboard über einen kleinen Schreibtisch und eine Ablage für Schulsachen und Bücher vielseitig einsetzen und punktet mit seinem Zusammenspiel der um 180° gedrehten Lehne eines Sessels und einem schmalen Korpus mit zwei Laden, einem kleinem Freifach sowie zwei Sesselbeinen.

www.ortweinschule.at

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