"Du musst es wirklich wollen!"

Die ganze Branche kennt ihn – und er sie: Vor nunmehr 16 Jahren gründete Gerhard Habliczek mit seine Frau Anna den wohninsider. Ein B2B-Magazin, das sogar über die Landesgrenzen hinaus Bekanntheit und Beliebtheit erlangt hat. Mit Anfang März hat er sein „Baby“ nun an die nächste Generation übergeben. Ein Gespräch.

Von Lilly Unterrader und Sylvia Pilar

Er, der schon mehr Interviews geführt hat, als so mancher Spitzenpolitiker hierzulande, der die Möbelbranche in- und auswendig kennt, und trotzdem nie die Lust daran verloren hat, der breites Allgemeinwissen mit Branchenerfahrung stets pointiert zusammenführt, findet sich heute in einer ungewohnten Rolle wieder: jener des Interviewten. Wir treffen Gerhard Habliczek, um mit ihm über persönliche und geschäftliche Entwicklungen zu plaudern, einen Blick in die Vergangenheit und noch viel wichtiger, in die Zukunft zu werfen.

Gerhard, 16 Jahre wohninsider. Was sieht du im Rückspiegel?

GH: Die Branche verändert sich. Ob das zum Besten ist, kann ich nicht sagen. Nicht nur in der Möbelbranche, in der gesamten Wirtschaft schlucken die Großen die Kleinen und die Kleinen werden immer weniger.  Das betrifft Konzerne und Handel, aber auch Verbände.

Was hat das für einen Einfluss auf den Markt?

Die Produkte werden einheitlicher. Auf der anderen Seite ist aber genau das eine Chance für die Kleinen, weil sie sich Nischen suchen können, um dort zu reüssieren.

Viele vergeben aber diese Chance, machen weiterhin Business as usual …

Das ist die Bürde des Tagesgeschäfts. Um wirkliches Marketing, neue Strukturen oder Ideen zu entwickeln und sie dann schließlich auch umzusetzen, müsste man sich ein bis zweimal in der Woche, nach Geschäftsschluss, nochmal für 1-2 Stunden hinsetzen und mit den Mitarbeitern brainstormen. Leichter gesagt als getan, das ist mir klar.

Meines Erachtens wird aber stattdessen in erster Linie der Mitbewerb beobachtet und dann kopiert. Das ist ein großer Fehler, denn es braucht eigene Ideen, die authentisch zum jeweiligen Geschäft/zur Person passen.

Nochmals der Blick zurück: Was hat dich gerade in diese Branche gezogen und warum hast du dich dann letztendlich selbstständig gemacht?

Ich bin Mitte der 1980er Jahren als Lokaljournalist nach Wien gekommen, hab damals beim Erb-Verlag ein B2B-Magazin für die Elektrobranche geführt.  Über die Weißware bin ich dann in die Einrichtungsbranche gerutscht, und hab mich mit einer Textagentur selbstständig gemacht.

Was würdest du rückblickend anders machen?

Im Großen und Ganzen nichts. Ich würde es aus heutiger Sicht vermutlich größer aufziehen, mit Blick ins Ausland. Damals hat mich aber auch das Tagesgeschäft eingeholt.

Natürlich hat man immer viele Ideen, Träume, nur die muss man irgendwann umsetzen, und dazu braucht man dann mehr Leute.

Was war die einschneidendste Begegnung in deiner langen Berufslaufbahn?

Im Positiven kann ich das nicht auf eine Person reduzieren. Ich habe so viele beeindruckende, tolle Menschen getroffen, mit denen ich heute ein fast freundschaftliches Verhältnis habe, ihre Probleme und Sorgen kenne… Im Negativen habe ich keine Erinnerung an ein wirklich schlechtes Erlebnis.

Es heißt ja: ‘It’s a People’s Business’. Wie wichtig sind Wegbegleiter, die Persönlichkeit? 

Absolut wichtig, da weißt du, du hast Rückhalt, auch, wenn es mal schwierig wird.

Was zählt mehr: Persönlichkeit oder Produkt?

Absolut die Persönlichkeit, Produkte sind austauschbar. Auch wenn es ein Produkt exklusiv gibt, dann wird es nach einem Jahr kopiert, wenn es gut ist. Es zählt die Persönlichkeit, die Person als Marke, die Ehrlichkeit und die Mitarbeiter.

Wird es aus deiner Sicht den Möbel-/Küchen-Fachhandel in 15 Jahren noch geben?

Ich denke das Wort „Handel“ verliert an Bedeutung. Was zählt, ist die Dienstleistung, das Planen, der Einbau, die Lieferung, der Service. Das ist wirklich stark im Kommen, glaub ich. Denn die Produkte kann man überall kaufen.

Geht das dann in eine persönliche Beziehung, wie von Nina Schulmeister damals erzählt, dass man gemeinsam mit den Kunden Abendessen geht, sich persönliche Probleme erzählt …

100 prozentig. Ich hatte unlängst ein Gespräch mit einem Küchenstudio-Betreiber, der 35 Jahre in der Branche erfolgreich ist, und er erzählte, er reißt jetzt die Küchen bei seinen Kunden raus, die er ihnen vor 20 Jahren gemacht hat. 

Was zählt sind die Beziehungen, der Standort, das Netzwerk. Das wird immer wichtiger, und genau das ist auch die Stärke eines kleinen Händlers. Beim Preis muss und kann er nicht mitspielen.

Gab es überraschende Momente in den Jahren?

Mich hat oft überrascht, dass eine Firma einfach so und plötzlich von der Bildfläche verschwunden ist. Das betrifft nicht nur heimische Möbelbauer, sondern auch größere Industrien, auch in Deutschland, Italien, Frankreich. Alle kämpfen aktuell.

Würdest du einer jungen Person heute raten, in ein Küchen- oder Möbelstudio einzusteigen? Oder eines zu übernehmen?

Er oder sie muss es wirklich wollen. Das ist das Um und Auf. Man muss von der Sache, die man macht, begeistert sein. Konfuzius meinte schon, ‚Wenn du die Arbeit liebst, die du machst, dann musst du nie mehr arbeiten.‘ Jeder, der das, was er tut, mit Begeisterung macht, wird Erfolg haben. Davon bin ich fest überzeugt!

Die Zeiten sind geprägt von Umschwüngen und Veränderungen, vor 14 Jahren war das Internet der Endgegner, heute gibt es mit der Künstlichen Intelligenz eine noch größere Macht. Wie siehst du das, bzw. wie sollte man damit umgehen?

Der Online-Auftritt, der von vielen Handelspartnern aktuell gemacht wird, geht m.A. in die falsche Richtung. Alle orientieren sich danach, dass sie weit oben bei Google gerankt sind. Aber immer weniger Konsumenten suchen über Google. Viel mehr müsste man heute dort gefunden werden, wo die KI sucht. Dazu ist ein anderes Wording vonnöten. Die Möbelbranche ist da sehr weit hinten. Das wird jedoch der neue Standard, davon bin ich überzeugt.

Wir sind da allgemein sehr weit hinten und weltweit betrachtet ist ganz Europa ein Museum: In Deutschland braucht man für den Bau einer(!) Brücke zehn Jahre. Bis dahin hat sich der gesamte Verkehr verändert. Das sieht in Asien zum Beispiel ganz anders aus, in Japan gibt es zum Beispiel keinen Stau…

Was würdest du dir diesbezüglich von der Regierung in Ö oder der EU wünschen?

Ganz klar: einen Bürokratie-Abbau. Österreich ist Förderweltmeister. Gut, soll so sein. Aber tatsächlich kommt nur ein Bruchteil davon an, denn hinter jeder der 167 Förderungen steht ein Büro, ein Apparat, Leute. In Wirklichkeit ist das eine Katastrophe, was hier an Arbeitskraft, Zeit und Geld verbraten wird.

In Deutschland wandert nicht zuletzt deswegen die gesamte Industrie ab. In Österreich haben wir die höchsten Lohnnebenkosten der gesamten OECD! Und es ändert sich nichts daran.

Wie hast du dich auf Veränderungen vorbereitet bzw. bist damit umgegangen?

Ich hab mir eine Nische gesucht, ein Special Interest Medium, und darin hab ich mich auf die Personifizierung spezialisiert.

Wie kann sich der Handel auf Veränderungen vorbereiten?

Man braucht gute Ideen. Es wird alles Mögliche probiert, Vorführungen, Ausstellungen. Bevor man ein Geschäft aufsperrt, sollte man sich überlegen:  Warum soll der Konsument zu mir kommen? Jeff Bezos hat bei seinen Meetings immer einen leeren Stuhl mit dabei – der steht da symbolisch für den Konsumenten. Was möchte der Konsument?

Wie wichtig sind Trends?

Trends sind sehr wichtig. Wenn sie da sind, sollte man jedoch idealerweise von Anfang an mit dabei sein.

Und wie wichtig ist Präsenz? Wird das oft unterschätzt?

Es gibt Produkte, z.B. die Multifunktionsarmaturen. Wenn ich die aktiv im Schauraum habe, verkauft sie sich praktisch von selbst. Im Kundengespräch bietest du dem Kunden einen Tee oder Aperol Sprizz an und machst ihn mithilfe der Armatur.  

Die Hürde ist doch, dass die Leute in den Schauraum kommen …

Der Standort ist natürlich extrem wichtig. Gerade heute ergeben sich für Newcomer da aber wirkliche Chancen, weil sie gut eingeführte, bestehende Unternehmen an Top-Adressen übernehmen können. Dann brauch ich nur noch Ideen, dass die Leute auch stehenbleiben.

Ebenfalls ein großes Thema ist der Generationenwechsel: ist das eine Herausforderung oder Chance?

Das widerspricht sich in meinen Augen nicht, das ist beides. Da bin ich wieder bei der Begeisterung. Wenn das jemand wirklich will, soll er oder sie es unbedingt machen. Dir muss aber auch klar sein, dass du dann keine Work-Life-Balance hast. Das Wochenende oder zumindest den Samstag kannst du vergessen. Die Arbeit ist immer präsent.

Du hast mal erwähnt, wenn du nicht im Journalismus wärst, würdest du ein Schlafstudio aufmachen. Ist das immer noch dein Plan B?  

Nein, ich habe eine große Familie, Immobilien und einen landwirtschaftlichen Betrieb, da hab ich genug zu tun. (lacht).

Wenn ich in den Möbelhandel gehen würde, würde ich ein Schlafstudio aufmachen, dabei bleibe ich. Denn das verlangt Fachberatung, eine hohe Kompetenz. Da kann ich gegen die Großfläche und das Internet reüssieren. Und guter Schlaf wird meines Erachtens immer mehr zum Thema, wir werden alle immer älter, aber nicht unbedingt gesünder …

Im Handel und in der Branche ist nach wie vor die Küche im Fokus. Geht es aus deiner Sicht trotzdem immer mehr um das Drumherum? Wird das ganzheitliche Wohnen das Thema?

Das spiegelt sich ja auch bei den Erzeugern wider, die bauen nicht mehr nur eine Küche, sondern ein Schlafzimmer, einen Schrankraum usw.  Ein bisschen überspitzt könnte man sagen, dass die Häuser und Wohnräume heute um die Küche herum gebaut werden. (zwinkert.) Und natürlich geht es auch ums Geschäft. Die Küche bringt das Geld und jeder muss etwas verdienen daran.

Was sind deine Pläne für die nächste Zukunft?

Also ein Schlafstudio mach ich nicht auf. (Zwinkert.) Ich werde die Freizeit genießen, mit meiner Familie, viel in Salzburg sein, auf unserem Bauernhof, dort plane ich gerade eine PV Anlage.

Auch wollen Anna und ich reisen, wir denken an Städtetrips und wollen uns Estland oder Schottland als nächstes anschauen.

Was wünschst du der Branche?

Kurz: Ein gutes Geschäft, viele neue Ideen, neue Auftritte. Damit meine ich nicht Messen, sondern Händler könnten sich zusammentun und Events veranstalten, Leute begeistern, denn wenn sie mal im Geschäft sind, bleibt das in Erinnerung.

Da fällt mir wieder die Geschichte des Matratzenhändlers ein, der hat in seine Auslage Teddybären um 1 Euro reingesetzt. Die Mamas sind dann mit ihren Kindern reingekommen, haben sich hinten aus der Schütte einen ausgesucht und sind wieder gegangen. Aber wenn sie mal Matratzen gebraucht haben, und das braucht jeder mal, wussten sie, dass es dort welche gibt.  

Was wünscht du dem wohninsider?

Ich wünsche ihm, dass es so weiter geht und noch viel mehr …

Wie geht es dir jetzt?

Mir geht’s sehr gut. Anna und ich waren ja dauernd unterwegs. Beim Schlafengehen, beim Aufstehen, im Urlaub. - Ich hab immer an die Zeitung gedacht. Das musst du wollen. Und das ist jetzt völlig weg. Ich stehe auf und habe den Kopf frei. Aber ich schreibe noch immer. Für mich, meine Gedanken.

Einen Schlussstrich ziehen, kann ich jedenfalls gut. Ich habe schon mehrere Leben gehabt – hab in einer Band gespielt, dann aufgehört und jahrelang keine Gitarre mehr angegriffen. Ich habe Eishockey gespielt, aufgehört und war dann jahrelang nicht mehr am Eis.

Wenn ich einen Schlussstrich ziehe, dann mach ich das radikal, sodass sich die Leute oft darob wundern. Aber das gelingt mir gut und das passt für mich. Ich werde es nicht vermissen …

 

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