Von höchster Klasse

Die Innenarchitektur-Szene wächst. 25 kreative und kompetente Junggestalter starten in die Zukunft – und die Absolventen der Ortweinschule zeigen mit ihren Abschlussmöbel eindrucksvoll auf.

Von Sylvia Pilar

Der Ruf als Meisterschmiede eilt der HTBLVA Graz-Ortweinschule voraus. Sie macht aber nicht nur Meister, sondern auch kompetente Junggestalter. 25 sind es heuer, die erfolgreich die fünfjährige Ausbildung der Höheren Lehranstalt Innenarchitektur und Objektgestaltung der Abteilung „Kunst & Design“ absolviert haben.

Das Ende ist dabei für sie erst der Anfang in der großen Möbel-, Einrichtungs-, Architektur- und Designwelt und die zum Finale des Lehrganges kreierten Möbel zum Thema „Tower“ spiegeln in eindrucksvoller Form die vielfältigen fachlichen, handwerklichen und kreativen Qualitäten der Absolventen wider, die vom Entwurf bis zur Fertigung, vom einzelnen Möbelstück bis zum ganzen Wohnraum und Objekt reichen.

Aus Kult mach' Möbel

So entwarf und gestaltete Victoria Dworschak mit „RGB 120“ einen Tower im Sinne von Gerrit Thomas Rietveld. Die einzelnen Elemente des Möbels haben typische Farben, Material und Formensprache des Architekten. Abstellfläche und Schublade dienen zur Verstauung diverse Dinge, die schwarz lackierte Holzkonstruktion ist aus massiver Rotbuche gefertigt. Jegliche anderen Elemente wurden aus MDF-Platten hergestellt, der an seiner höchsten Stelle 120 cm messende Tower ist in den Farben Rot, Gelb, Blau – daher auch der Name – sowie Schwarz, Weiß und Grau gehalten, zieht mit seiner Gestaltung der Oberflächen in den Grundfarben die Aufmerksamkeit auf sich und wirkt im Raum als Eyecatcher.

„Bei 'AVARIA' handelt es sich um ein freistehendes Staumöbel, wobei es mir in erster Linie darum ging die Formensprache des Architekten und Designers Paolo Piva hervorzuheben. Auch sein „Prinzip der Veränderung“ sollte im Vordergrund stehen“ beschreibt Laura Gosnik ihr Möbel, das aus einer mit amerikanischer Nuss furnierten Außenhülle sowie einem inneren, cremefarben lackierten Korpus besteht. Seitlich ist das Möbel offen, der innere Korpus springt um eine Plattenstärke zurück. Als Front dient eine Klappe, die mit einem Zapfenband angeschlagen wird, mittels dem die mittlere Frontplatte nach hinten oben geklappt und somit Optik und Funktionalität verändert werden kann. Die offene Fläche kann vorne oder oben sein, die klaren Linien des Möbels werden durch das Fußgestell aus geschliffenem Edelstahl hervorgehoben, zur Stabilisierung werden jeweils oben und unten ein Formrohr angebracht.

Spiel von Architektur, Design und Licht

Wie ein aus der Kult-Architektur des von Arne Jacobsen geplanten Royal SAS Hotel in Kopenhagen entsprungenes Möbel aussehen könnte, zeigt Alexandra Greßl mit dem A-1960. Mit seinen Traummaßen von 640x320x960mm ist das freistehende Möbel optimal, um Kleinteile und Lieblingsstücke stilvoll zu verstauen. Die Laden des Korpusmöbel mit zweischaligem Aufbau - einem inneren Korpus aus grau lackierten MDF-Platten, darauf die Unterbodenführungen für die Schubladen mit Vollauszug, sowie einer äußere Schale aus in n Nussholz furnierten MDF-Platten – lassen sich mit praktischer Tip-On Funktion ganz einfach nach links und rechts öffnen, ebenso die Drehtür mit Tip-on im untersten Element.

 

Andreas Kalcher designte sein Möbel „Twist'n Light“ im Sinne der weltberühmten Architektin Zaha Hadid. Die organischen und geschwungenen Formen ihrer bekannten Bauwerke werden durch die ausgeklügelte Konstruktion aus dunkelgrauen Distanz-, und transparenten Zwischenschichten authentisch widergespiegelt, dank des zusätzlichen Einbaus eines LED- Bandes ist der aus MDF, Acrylglas und Edelstahl gefertigte Tower nicht nur gestalterisches Design-Element, sondern zudem stimmungsvolles Lichtobjekt, wobei aufgrund der mattierten Kanten der Zwischenschichten die Illusion eines lichtumhüllten Körpers entsteht. Die handliche Funkfernbedienung ermöglicht das bequeme Wechseln der Farbe – und das neben einem warmen Weißton quer durch das komplette Farbspektrum.

Angelehnt an den Stil der Architektengruppe Coop Himmelb(l)au ist „Clepsydra“ von Clara Kogler, die beim Entwurf ihres Objekts das Thema Vergänglichkeit aufgegriffen hat, was sich in der gewählten Form zeigt. Mit der dekonstruktiven Darstellung einer Sanduhr, dem daraus strahlenden dank per Fernbedienung steuerbarem RAL LED-Band in unterschiedlichen Farben und mit verschiedenen Effekten leuchtendem Licht und der neutralen Farbe ist das Möbel Blickfang oder fügt sich gekonnt in die Interieur-Stimmung ein. Aus drei Teilen bestehend, sorgt der aus mehreren Schichten MDF in weiß lackiert bestehende Sockel für den geneigten Effekt, die Innenkonstruktion ist mit Stoff umhüllt und hohl und die äußere Konstruktion erstrahlt ebenfalls in weiß lackiertem MDF.

Der Name ist Möbel

bei „WorkStation“ von Elena Waschl, einem kleinen, praktischen an die Formensprache Norman Robert Fosters angelehnten Sekretär. Der schlichte und elegante Nussholzkorpus mit seiner extravaganten, verkernten Nussholzladenfront wird von einer Stahlkonstruktionen getragen, die auf Gehrung einschlagende, mit einer versteckten Grifffräsung zu öffnende und geräuschlos zu schließende, in schwarz lackierte Lade bietet Stauraum und verfügt über eine kleine Vertiefung für Stifte & Co.

Nomen est omen auch bei „asiento“ von Lenz Rajh, der im Sinne von Antoni Gaudi geplant wurde und dessen Formensprache sich nicht nur im Querschnitt des Hockers erkennbar sein soll, der aus 12 Schichten mit Zebranofurnier furnierten Sperrholzplatten gefertigt wird und deren Kanten allesamt mit 2mm Rundung versetzt werden, um ein angenehmes Tragen zu ermöglichen.
Vielmehr erhält das Möbel durch leichte Veränderungen der jeweiligen Schichten eine ganz eigene Form und verwandelt die Sitzfläche in eine eronomische Sitzmulde, zudem erscheint er dank des lamellenartigen Aufbaus trotz seiner massiven Grundform leicht.

Tower-Power

„Tower“, einfach nur „Tower“ heißt das von Florian Suppan kreierte Abschlussmöbel mit einem Korpus, der - wie von Matteo Thun gestaltete Häuservon Leisten umschlossen ist.
Sind in weißem Lack lackiert, um einen Kontrast zu dem Korpus aus in amerikanischer Nuss furnierten MDF Platten zu schaffen, besticht das gute Stück als Stauraum für DVDs, Bücher & Co, wobei die zwei Fächer von den gegenüber liegenden Seiten erreichbar sind.

Multifunktionaler präsentiert sich Julia Hilbergers schwebend wirkendes Möbel „JH1“. Der „Tower“ abstrahiert gekonnt die von Le Corbusier augestellten fünf Merkmale der modernen Architektur: „Der Dachgarten“ ist die oberste Platte, „Die Stützen“ halten das Möbel zusammen, „Die freie Grundrissgestaltung“ entsteht ebenso durch die Verschiebung der Platten wie „Die freie Fassadengestaltung“, ergänzt durch die versetzte Anordnung der Stützen, sowie „Die Langfenster“, die vom Glaskorpus abstrahiert werden, wodurch das Möbel über dem Boden zu schweben scheint. Dadurch sieht es so aus, als ob das Möbel über dem Boden schweben würde. aus mit Kernbuche furnierten Spanplatten mit dem Glaskorpus bestehende Kreation, die abschließend mit Klarlack seidenmatt lackiert wurde, macht sowohl alleinstehend als dekoratives Objekt wie auch als Ablagefläche bzw. Regal beste Figur – oder einfach als schlichtes gegenwärtiges Kunstobjekt.

Spannend und zudem geheimnisvoll wirkt „Breaking Cracks“ von Martin Zechner-Sammer. Entworfen im Sinne des Stararchitekten Daniel Liebeskind, wurden die Seiten besonders hervorgehoben und haben einen Riss, deren Silhouette den Grundriss des jüdischen Museums in Berlin widerspiegelt. Der Tower mit in amerikanischer Nuss furnierten MDF-Platten als Trägermaterial und sichtbar ausgeführten Kanten sowie mittels Acrylglasstäben verbundenen Rissen im oberen Boden beinhaltet drei Fachböden, die Stauraum bieten, durch den Sockel kann auch die Fußspitzenfreiheit gewährleistet und die beiden Drehtüren durch den Spalt in der Front optimal geöffnet werden.

Einzigartige Eyecatcher

Wie sich ein zeitloses, edel wirkendes Möbel gestalten lässt, bewegte Stefan Schöggler und materialisiert sich im Tower „Turn 360“ mit vier schrägen Korpussen, die sich verdreht aufeinander stapeln. „Ein Design aus edlem Ebenholzfurnier in Kombination mit einem leicht cremigen Weißton und einem Edelstahlelement machen den Tower zu einem zeitlosen hochqualitativen Möbel“, beschreibt der Junggestalter die Kreation aus beidseitig mit Alpi-Kunstfurnier Makassar Ebenholz belegten Spanplatten, die sich – ohne Vorder- bzw. Hinterseite – individuell an den Raum anpassen lässt, mit raffinierter Schattenfuge und Eisenplatte als Gewichtssockel.

Individuell ist auch das Stichwort bei Anna Mauerhofers Abschlussmöbel. Das Zusammenspiel aus der Formensprache von Adolf Loos und der Junggestalterin ergeben „the individual one“ - Ein Möbel der besonderen Art und mit raffiniertem Design, das auf den ersten Blick als eleganter Stehtisch erscheint – doch das ist nicht alles. Blickt man hinter die Fassade des aus mit Kirschholz furnierten Spanplatten bestehenden Korpus erscheint ein auf Rollen geführter Auszugswagen, der sowohl optisch beeindruckt wie auch Platz für verschiedenster Objekte bietet. Wird „the individual one“ gerade nicht verwendet, ist dessen Auszug bequem von allen Seiten im Stehtisch verstaut und kann dann bei Bedarf sofort ausgefahren und benutzt werden.

Einfach bestens präsentiert

Schlichtes, durchdachtes Design zeichnet das Abstellmöbel „Uusi Aalto“ von Minna Rothbart aus, das im Sinne des Architekten und Möbeldesigners Alvar Aalto entworfen wurde und versucht, dessen Formensprache, sowie manche Herstellungsprozesse wie Formverleimungen zu übernehmen.
Die Kreation erinnert durch seine geschwungene Form an Alvar Aaltos „Paimio Sessel“, das minimalistische und schlichte Design sowie die Materialwahl aus Birkenholz-Sperrholzplatten und schwarz lackierten Fachelementen betonen die Ehrlichkeit und Einfachheit des aus Birkenholz gefertigten Möbelstücks mit zwei Ablageflächen, eine davon mit zwei Ebenen.

„Bei meinem Eigenmöbel handelt es sich um ein Präsentationsmöbel für Weinprodukte im Sinne des Architekten und Möbeldesigners Max Bill“, erklärt Antonia Grillmayr den "vino-tower". „In Anlehnung an seinen berühmten Ulmer Hocker bilden diese den Hauptbestandteil des gesamten Elements.“ Wurden zusätzlich einzelne Sockel aus Nussholz zwischen die drei umgelegten Hocker eingesetzt., bietet das Weinregal mit seinem Mix aus Massivholz der Birke und des europäischen Nussbaumes dank des Gestells aus Massivholz eine Staufunktion für Weingläser, die mit dem Glasboden aufgehängt werden können.

Zudem befindet sich im oberen Hockerelement eine Einbohrung in der Fläche für eine bereits geöffnete Weinflasche. Zusätzlich geschlossenen Stauraum bietet eine grifflose Schublade mit Kautschukeinlage im ersten Zwischensockel, im dritten und untersten Hocker befinden sich an der Seitenwand vier geneigte Bohrungen, um eine schwebende Aufbewahrung der Weinflaschen zu vermitteln. Dank seiner Traummaße kann der „vino-tower“ auch als kleine Bar dienen.

In Szene gesetzt

Präsentieren kann „Der Nacheamer“ von Philipp Mariano auf elegante Weise nicht nur sich, sondern das vom Design des Eames Lounge-Chair inspirierte, als CD-Regal gedachte Möbel insbesondere beste Musik und andere Lieblingsstücke.
Die geformten Schalen und das Muster, das die aus einer fünfschichtigen Kombination von abwechselnd miteinander verleimten MDF-Platten und Nussholzfurnier gefertigte Rückwand ziert, sind den formverleimten Schalen des Möbelklassikers nachempfunden und sollen das Möbel elegant zur Geltung kommen lassen.

Bücher gekonnt in Szene setzt „Livre TJ16“ von Julia Emilie Pachler, die für „Freilebende Bücherhaltung statt Massen Bücherhaltung“ plädiert – Bücher haben auch Gefühle. Ihre Kreation ist ein repräsentatives Bücheregal im Sinne der Architektin und Möbeldesignerin Eileen Gray, in Anlehnung an deren berühmteste Entwürfe ein einfach konstruierter Korpus aus Zwetschkenholz das Bücherregal bildet. Wie ein Teil des Möbels wirkt das als tragendes Element fungierende Fußgestell aus Stahlrohren des Möbels mit dynamischer, interessanter Erscheinung, mit dem optimal Lieblingsbücher geordnet und repräsentativ ausgestellt werden können.

Mehr als 'nur' ein extravagantes Bücherregal, sondern zugleich ein vielseitiges Möbel im Sinne des italienischen Designers Joe Colombo, der vor allem durch seine futuristischen Entwürfe bekannt wurde, präsentiert Selina Trummer mit „Collect“. Inspiriert Colombos „Tube Chair“, können Bücher hier geschlichtet, gestapelt, verdreht, offen aufgeschlagen oder mit dem Cover voraus präsentiert werden – und das Bücherregal lässt sich ganz einfach zu einem simplen Hocker oder Beistelltisch umfunktionieren. Die beiden größten Würfel, die allesamt auf einer Konstruktion von Sperrholzplatten basieren, können zugleich als Sitzmöglichkeit und Ablagefläche zu dienen, die seitlich eingefrästen Griffe erlauben den leichten Transport und so eröffnen die gewählten, quadratischen Formen eine facettenreiche Nutzung des Möbels.

Quer gedacht

Ebenfalls mehr als nur Zeitungen und Zeitschriften Platz bietet das „Regal Nr. 18“ von Laura Schneider, das im Sinne des Architekten und Designers Josef Hoffmann geplant und gebaut wurde. „Dabei wurde versucht seine Formensprache, sowie die verwendeten Materialien seiner Werke so gut wie möglich zu übernehmen. Durch die Verstrebungen erinnert der „Tower“ stark an den „Armlöffel“ Stuhl des Designers. Die Wahl des dunklen Holzes, lässt das Möbel sehr schlicht und dennoch elegant wirken“, beschreibt die Junggestalterin das Regal mit kleiner Lade im unteren Korpus sowie Ablagefläche ganz oben, die beide aus Räuchereiche furniert wurden, während die Verstrebungen aus Räuchereiche massiv bestehen.

„Atascarse - bleib hängen“ ist Leitspruch und Name des Hängeregals von Marion Theres Winter, den jeder versteht, der das Möbel sieht.
Denn bei genauerem Blick lässt es den einzigartigen Grundriss des weltberühmten Barcelona Pavillons von Ludwig Mies van der Rohe erkennen und „Arascarse“ bedeutet auf Spanisch einfach „hängen bleiben“.
Und obwohl das aus einer aus europäischem Nuss furniertem Sperrholz gefertigten Rückwand, je drei Seiten und je 2 Fächern aus Birkenholz sowie einem Klappenkorpus bestehende Möbel, bei dem zwei Seiten und zwei Fächer im Goldenen Schnitt aufeinander abgestimmt die Acrylglaswand durchdringen, primär als 3D-Wandbild dient, bieten Fächer und der kleine Klappenkorpus etwas Stauraum.

Moderne Butler

Dass der „Stumme Diener“ nach wie vor seinen besonderen Reiz hat, zeigen zwei Junggestalter mit ihren Abschlussmöbel. „Lynn Valet“ von Melanie Schönwetter orientiert sich in der Formensprache an jener des amerikanischen Architekten Greg Lynn, die in der organischen Schale und dem Griff gekonnt aufgegriffen werden. Werden diese dank rotem Lack noch mehr herausgehoben, machen die drei filigranen, aus Edelstahl gefertigten Kleiderstangen, das Kleiderbügelelement und Verstaumöglichkeiten das Möbel mit seinem in der Farbe RAL9010 lackierten Korpus aus MDF, ruhend auf einer mit 30mm breitem Vierkantrohrkranz aus Edelstahl versehenen Sockelplatte, zu einem idealen Gebrauchsgegenstand.

Ebenso speziell ist „M4W“ von Tina Winter, ein Stummer Diener im Sinne des Architekten und Möbeldesigners Charles Rennie Mackintosh.
„Nach dem Vorbild des berühmten Mackintosh Stuhles habe ich die Sprossen übernommen und damit eine nicht ganz geschlossene Rückwand und Vorderseite geschaffen“, erläutert die kreative Absolventin ihr in schwarz gebeiztes Möbelstück aus Esche Massivholz, furnierten (Esche-)Spanplatten. Zu einer mit Leder überzogenen Platte in der Mitte, die eine Ablagefläche bildet, gesellt sich eine obere kleine Platte, zu offenen Verstaumöglichkeiten zudem ein sonderangefertigter, eckiger Kleiderbügel aus Stahlrohr.

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