glasstec: Re-Use und Re-Manufacturing im Fokus 14.09.2026 10:31 Die glasstec in Düsseldorf zeigt die neuesten Innovationen in puncto Glas. Was das Material und wie nachhaltig es sein kann, beweist eine aktuelle Studie und wird bei der „CircuClarity Two“-Konferenz deutlich.
 Auf der glasstec rücken Re-Use und Re-Manufacturing in den Blick. Dies ist bei Glas möglich, wie „CircuClarity“, eine Konferenz und Projekten wie die Fassade an der Herostraße in Zürich beweisen. Foto: Philippe Willareth, LMP Engineering Zürich / Enrico Cutri, DOW  Dr. Linda Hildebrand und Dr. Lisa Rammig, die Initiatorinnen von CircuClarity. Foto: Marcel Bilow  Wiederverwendete Glas-Trennwände aus dem Projekt St. Oberholz in Berlin. Foto: Concular Glas ist ein top Material für viele Anwendungen und begegnet uns überall, mal mehr, mal weniger offensichtlich. Jetzt geht es noch einen Schritt weiter: Glas kann vollständig im „Closed Loop“ in den Schmelzen der Flachglasindustrie recycelt werden. Noch größeres Potenzial für CO2-Einsparungen bietet es gegebenenfalls, vorhandene Scheiben, Isoliergläser oder ganze Fassadenelemente möglichst lange im Nutzungskreislauf zu halten: Eine aktuelle Studie der „CircuClarity“-Initiative rund um Dr. Linda Hildebrand (Büro für Zirkularität im Bauwesen c u b e) und Dr. Lisa Rammig (Director Eckersley O’Callaghan, USA) zeigt, dass „Re-Use“ und „Re-Manufacturing“ in der Branche inzwischen den Schritt von einzelnen Pilotprojekten in Richtung marktfähiger Lösungen gehen. Welche Verfahren bereits funktionieren und was der erfolgreichen Skalierung noch im Wege steht, erfahren Besucher am 20. und 21. Oktober auch auf der von den beiden Expertinnen moderierten Konferenz „CircuClarity Two“ auf der glasstec 2026 in Düsseldorf. Viele Perspektiven, eine Mission CircuClarity, vor vier Jahren von Dr. Linda Hildebrand und Dr. Lisa Rammig auf der glasstec initiiert und mittlerweile zum internationalen Netzwerk gewachsen, vernetzt Fachleute aus Rohstoffversorgung, Floatglasherstellung und -verarbeitung, Fassadenbau und Engineering, Architektur, Projektentwicklung und Wissenschaft – kurz: die gesamte Wertschöpfungskette. Alle bringen ihre jeweiligen Perspektiven zusammen, immer das Ziel vor Augen, Innovationen für mehr Zirkularität in der Glas-, Architektur- und Fassadenbranche voranzutreiben – und das Thema Re-Use und Re-Manufacturing, das nun im Fokus steht. Verlängerung des Produktlebens Der Blick auf den Status Quo zeigt, dass hochwertig gefertigtes Isolierglas heute Jahrzehnte in Fenstern oder Fassaden überdauern kann, das „Produktleben“ allerdings meist mit dem Abriss eines Gebäudes endet. Die Flat-to-flat-Recyclingquoten von Altglas liegen nach Angaben der Studie „Readiness for circularity and climate neutrality in the glass industry“ von Hildebrand und Rammig bislang selten über einem Prozent. Ist hochwertiges Recycling nur eine der möglichen Kreislaufstrategien, unterscheiden Hildebrand und Rammig zwischen Re-Use – also der erneuten Einsetzung eines auf Eignung überprüften Bauteils ohne wesentliche Veränderung – und Re-Manufacturing, also der Zusammensetzung von zerlegten Produkten mit vorhandenen oder neuen Bestandteilen zu einem funktionsfähigen Neu-Produkt zusammengesetzt. Dass sich dieser Ansatz auch auf Fassadenglas übertragen lässt, zeigt ein in der Studie dokumentiertes Projekt von LMP Engineering und DOW. „Für die Wiederverwendung von Fassadenglas reicht es nicht aus, dass es noch intakt aussieht. Wir müssen ihre verbleibende Leistungsfähigkeit bewerten und daraus einen technisch belastbaren neuen Aufbau entwickeln. - Enrico Cutri, DOW
Dieses Beispiel zeige, dass vorhandenes Glas nicht unbedingt Rohstoff für die nächste Schmelze werden müsse, sondern auch als Bauteil einen weiteren Lebenszyklus erhalten könne, wie unterstrichen wird. Das Potenzial scheint erheblich, immerhin weisen von Hildebrand und Rammig herangezogene Fallstudien für wiederaufbereitetes gegenüber neuem Glas Treibhausgasminderungen von bis zu 84 Prozent aus, gleichzeitig verweisen Untersuchungen an rund 30 Jahre altem Floatglas auf nur geringe Auswirkungen der Nutzung zum Beispiel auf die Biegefestigkeit unter bestimmten Randbedingungen. Zum entscheidenden Faktor werden damit Prüf- und Bewertungsverfahren, mit denen sich die weitere Verwendbarkeit einer ausgebauten Scheibe zuverlässig nachweisen lässt. Wie niedrigschwellig Kreislaufführung auch sein kann, zeigt ein zweites in der Studie betrachtetes Beispiel, jenes des Projekts St. Oberholz in Berlin, bei dem gläserne Innenwände im Umbau demontiert, zunächst eingelagert und später, bei einer Büroerweiterung, erneut eingesetzt wurden. Gerade Innenwand- und Trennwandsysteme eignen sich nach Einschätzung der Autorinnen für solche Modelle: Ihre Nutzungszyklen sind häufig kürzer als die technische Lebensdauer der Bauteile, sodass beim Ausbau meist gut erhaltene Produkte zur Verfügung stehen. Neue Wege Um beispielhafte Projekte vom Einzelfall zum Normalfall zu skalieren, muss sich jedoch mehr ändern als die Konstruktion selbst. Benötigt werden ein selektiver Rückbau, geeignete Logistik- und Rücknahmesysteme sowie Informationen darüber, welches Glas wo verbaut wurde und welche Eigenschaften es besitzt. EPDs, digitale Produkt- und Gebäuderessourcenpässe sowie Materialkataster bieten hierfür eine wichtige Infrastruktur, noch sind diese Datenstrukturen jedoch nicht ausreichend miteinander vernetzt. Auch das „Design for Disassembly“ erweist sich in der Praxis noch als differenzierter als häufig angenommen und entscheidend ist nicht allein die Fügetechnik, sondern ob ein Bauteil am Ende seiner ersten Nutzungsphase tatsächlich wirtschaftlich, zerstörungsarm und sortenrein zurückgewonnen werden kann. Die Studie zeichnet demnach ein differenziertes Bild: Während die vollständige Dekarbonisierung der energieintensiven Floatglasherstellung technologisch zwar mit viel Energie von den großen Flachglasherstellern angegangen wird, aber eine langfristige Aufgabe bleibt, entwickeln sich Sekundärmaterialien, Scherbenrückgewinnung durch eigene Rücknahmesysteme der Industrie sowie Re-Use- und Re-Manufacturing-Konzepte vergleichsweise schnell. Viele Ansätze befinden sich bereits am Übergang zu einer dynamischen Kommerzialisierung. Die technische Frage, ob Glas ein zweites Leben haben kann, ist in ersten Projekten bereits beantwortet. Die nächste lautet, wie durch frühe Zusammenarbeit in Projekten und gute Vernetzung daraus Alltag in der Glas-, Fassaden- und Abbruchwirtschaft wird. Im Blick: From Practice to Impact Den Weg von der technischen Machbarkeit zur breiten Anwendung nimmt „CircuClarity Two – Beyond Progress: From Practice to Impact“ auf der glasstec 2026 in den Blick. Am 20. und 21. Oktober diskutieren Fachleute aus Industrie, Architektur, Ingenieurwesen und Forschung auf Stage 3 der glass technology live in Halle 11, wie sich erprobte zirkuläre Lösungen skalieren und in belastbare Prozesse und Standards überführen lassen. Und ergänzend zu CircuClarity Two würdigt der CircuClarity Award innovative Projekte und Lösungsansätze, die die Kreislaufwirtschaft in der Glas- und Fassadenbranche voranbringen. www.glasstec.de
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